FEUER

Wissenschaft. Berichte. Debatten. Gespräche.

Wetterextreme, Überschwemmungen, Dürre, Brände. Die Klimakrise ist real. Die globale Erwärmung ist real.

Aber sie erreicht eine völlig neue – emotionale – Dimension, wenn dir nahestehende Menschen ihr Haus verlassen müssen und der Ungewissheit ausgesetzt sind, ob sie ihr Heim und ihr Hab und Gut, das sie sich aufgebaut haben, jemals wiedersehen werden.

Ich weiß nicht, wo sie wohnen oder wo sie gerade diese Zeilen lesen. Vielleicht sitzen Sie mit Ihrem Mobilgerät und einem Glas Wein in einer Bar auf der Nordhalbkugel, so wie ich, während ich diesen Text schreibe. Im Bewusstsein der Folgen und Gefahren des Klimawandels und infolge meiner Kampagnentätigkeit gegen die Suche nach Erdöllagerstätten im Meeresboden folge ich den politischen Debatten und Prozessen rund um das Klimathema aufmerksam. Letzten September hatte ich auf Einladung der belgischen Regierung das Privileg, die internationale Meeresschutzorganisation OceanCare beim UN Climate Action Summit in New York zu vertreten, wo ich eine Präsentation über den Schutz der Meere als Beitrag zum Klimaschutz hielt. Im Dezember betraf meine letzte Konferenzteilnahme im vergangenen Jahr die Vertragsstaatenkonferenz der Barcelona-Konvention. Dabei ging es um einen Aktionsplan zum Schutz des Mittelmeers – einer Region, wo der Temperaturanstieg noch stärker ist als im globalen Mittel und wo die Niederschläge dramatisch abnehmen.

In Österreich, wo ich lebe, beobachte ich längere Trockenperioden und mehr Hitzetage im Sommer, und als passionierter Schifahrer erlebe ich in den wärmeren Wintern so manche Frustration. In den Weihnachtsferien war ich mit meiner Familie auf Schiurlaub in den Alpen. Dafür suchte ich eine hochgelegene Region aus, mit 1000 bis 2500 Meter Seehöhe, um auf der sicheren Seite zu sein und „garantiert“ Schnee zu haben. Aber wir hatten damit nicht viel Glück, denn während des Urlaubs gab es unterhalb von ca. 1700 Metern Regen statt Schneefall. Es war in dieser im Winter normalerweise herrlich weißen Berglandschaft einfach zu warm, als dass die Wassertröpfchen hätten zu Schneeflocken kristallisieren können. Der Klimawandel ist real. Er hat Auswirkungen an allen Orten und auf verschiedene Weise. Für manche, wie für mich, sind diese Auswirkungen noch belanglos. In anderen Weltregionen hingegen geht es schon seit einiger Zeit buchstäblich um die Existenz.

Und während ich mich über den Regen ärgerte, der mein heiß ersehntes Pulverschnee-Vergnügen vereitelte, würden abertausende Menschen auf der anderen Seite des Planeten jeden Regen mit Jubel und Tanz begrüßen. Dieser Teil der Welt, ein halber Kontinent, steht in Flammen.

Ja, Sie werden immer Leute finden, die darauf verweisen, dass es in Australien seit jeher Buschbrände gegeben hat, und die unbeirrt leugnen, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird und gerade stattfindet. Da der Klimawandel ebenso wie die Außergewöhnlichkeit der Brände in Australien hinreichend bewiesen sind und die Wissenschaft hier völlig klar ist, werde ich darauf keine weiteren Worte verschwenden, sondern mich einem anderen Aspekt widmen: der Rolle des Staates.

Viele Menschen mögen sich – völlig zurecht – darüber geärgert haben, dass der australische Premierminister Scott Morrison auf Urlaub im fernen Hawaii weilte, während große Teile „seines“ Landes verbrennen und die Menschen ihre Häuser verlassen oder sie in Flammen aufgehen sehen müssen. Gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass es aus kommunikationsstrategischer Sicht klüger wäre, den Urlaub abzubrechen und nach Australien zurückzukehren, arbeiten PR-Profis bereits an den rhetorischen Phrasen für ein Staatsoberhaupt. Bald wird er sich formell und emotional entschuldigen, betroffene Gebiete besuchen und großzügige Ankündigungen machen, wie „er“ und „seine Regierung“ helfen werden.

So verging nicht viel Zeit bis zur Ankündigung finanzieller Hilfen. Eine bestimmte Menge australischer Dollar soll an die Feuerwehrleute ausbezahlt werden, die sich freiwillig den Flammen entgegenstellen. Die PR-Maschinerie lief an, pries die heroischen Anstrengungen der Freiwilligen und den Entschluss der Regierung, im Gegenzug Gelder freizumachen. Aber Moment mal – irgendetwas ist hier doch völlig faul. Ja, alle, die an der Bekämpfung der Brände mitarbeiten, die Menschen und Tiere retten, die ihren Nachbarn helfen, zumindest die wichtigsten Dinge zu retten, oder die in Lagern für die Vertriebenen mithelfen, sie alle sind wahre Helden. Menschen, die in einer gemeinsamen Anstrengung als Gemeinschaft handeln. Total daneben und falsch ist hingegen, dass die Regierung zynisch und unverschämt den menschengemachten Klimawandel leugnet, sich weiterhin der Kohleindustrie verschreibt und mit öffentlichen Mitteln verfährt, als wäre es ihr eigenes Geld, mit dem sie sich gegenüber den Freiwilligen als die „großzügigen Spender“ geriert.

Eine gewählte Regierung hat im Interesse der Bevölkerung zu handeln. Sie operiert mit Steuergeldern – dem Geld jener Menschen, die jetzt als Freiwillige die Feuersbrünste bekämpfen. Es ist dieses öffentliche Geld, mit dem die Gehälter der Entscheidungsträger bezahlt werden. Somit bezahlt der freiwillige Feuerwehrmann den Entscheidungsträger, den Premierminister, der sich als großzügiger Geber präsentiert. Tatsächlich haben viele Regierungen auf der ganzen Welt – das ist keineswegs spezifisch für Australien – längst nicht mehr das richtige Verständnis dessen, was sie sind: Vertreter der Gemeinschaft. Ihre Verpflichtung besteht darin, ein System einzurichten, das in einer solchen Krise voll funktionsfähig ist. Schutz, Rettung und Unterstützung der Menschen, der Tiere und der Natur sind die Toppriorität und sollten niemals von „PR-tauglicher Großzügigkeit“ von jemandem abhängen, der unverändert die Kohleindustrie fördert und der abstreitet, dass die globale Erwärmung den gesamten Planeten gefährdet. Zugegeben, es gibt ein einziges gültiges Argument gegen meine Ausführungen, und zwar, dass diese Leute von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt wurden.

Das Versagen der Regierungen bei der Klimakonferenz im Dezember in Madrid hat deutlich gezeigt, dass viele Staatschefs ihre eigene Rechtfertigung, als Vertreter der Einwohner ihres Landes, als Staatsoberhaupt bezeichnet zu werden, untergraben und zerstören. Stattdessen dienen sie blind den Interessen der Öl- und Kohleindustrie. Wie können sie weiterhin eine globale Krise ignorieren? Wo ist die Reaktion der internationalen Gemeinschaft und der Regierungen zur Unterstützung der Menschen in Australien, indem sie sich zu wirksamen Klimaschutzmaßnahmen verpflichten, da doch die unvermindert hohen CO2-Emissionen zu Tragödien wie in Australien und vielen anderen Weltregionen beitragen? Ist es eine weitere plumpe Strategie der Klimawandelleugner, diese Verbindung nicht zu sehen und daher die gegenwärtigen Feuer als natürliches Phänomen herunterzuspielen?

Es ist Freitag, der 3. Jänner 2020. Ich komme gerade nach Hause, als ich auf meinem Mobiltelephon sehe, dass ich eine Nachricht von meiner lieben Freundin Margi Prideaux bekommen habe. Meine erste Begegnung mit Margi war bei einer Konferenz vor 20 Jahren, wo wir gemeinsam mit vielen weiteren Aktivisten für den Schutz der Wale gearbeitet haben. Seit damals haben wir rund um den Planeten für Natur- und Artenschutz zusammengearbeitet und es entwickelte sich eine Freundschaft zu ihr und ihrem Mann Geoff. Einmal hatte ich die Gelegenheit, die beiden auf ihrer Farm auf Kangaroo Island, einem wunderbaren Ort vor Südaustralien, zu besuchen. Ich erinnere mich an einen Koala, der recht entspannt und ruhig auf einem der Bäume hinter ihrem Haus auftauchte.

Die Nachricht zu öffnen, macht mich nervös, denn ich weiß, dass Geoff, der als freiwilliger Feuerwehmann arbeitet, und Margi seit 10 Tagen in einem Notquartier ausharren. Sie mussten aufgrund der drohenden Feuer ihre Farm samt ihrer Habseligkeiten zurücklassen.

Ich öffne Margis Nachricht und lese ihren ersten Satz: „Wir haben soeben erfahren, dass wir unser Haus verloren haben.“

Nicolas Entrup, 4. Jänner 2020

An alle, die Margi und Geoff Prideaux in ihrer schrecklichen Notsituation unterstützen wollen: Bitte kontaktieren Sie mich unter n.entrup@shiftingvalues.com