Begegnung.

Spricht oder schreibt man von einer „Begegnung“ im Kontext eines Ausfluges, um Wildtiere zu beobachten, so steht das Wort „Begegnung“ meist für die Beziehung zwischen dem Beobachter „Mensch“ und dem beobachteten „Wildtier“. Der nächste naheliegende Gedanke wäre Überlegungen anzustellen, ob der Beobachtete – das Wildtier – den Beobachter wahrnimmt und, falls ja, wie er diesen betrachtet, sieht, beobachtet. Zweifellos trifft „Begegnung“ als Beschreibung für jenes Erlebnis zu, das mich veranlasst hat, ein paar Zeilen zu verfassen, jedoch werde ich von einer dritten Form der Begegnung erzählen.

Das Erlebnis ereignete sich am 29.7.2018 im Kaudulla-Nationalpark in Sri Lanka. (Randbemerkung: Auf die Art, wie die so genannte Safari vor Ort angeboten und durchgeführt wird, werde ich hier nicht bzw. bei anderer Gelegenheit schreiben, denn es bedarf einer umfassenden Kritik. Ich möchte an dieser Stelle nicht von der Faszination ablenken, die ich trotz des Mangels an Informationen, die vor Ort „zur Verfügung gestellt werden“, erleben durfte. Zweifellos bleiben jedoch auch Gedanken, ob es nicht dringend notwendig wäre, die Anzahl der Autos und die Zeiten, in denen Wildtiere im Park beobachtet werden können, zu reduzieren und striktere Verhaltensregeln einzuführen.)

Begegnung.

Die Erwartung und Hoffnung, Elefanten in freier Wildbahn zu sehen, wurde relativ rasch erfüllt. Eine Gruppe von, wie sich später herausstellen sollte, etwa 15 Tieren trafen wir nach etwa 15 Minuten Fahrt am Rande des Waldes an. Unbeirrt, langsam, man ist geneigt zu sagen „genüsslich“, brachen die Tiere – ich zählte zu dem Zeitpunkt 8 Elefanten – Zweige von den Bäumen und bewegten sich nur langsam fort. Nach etwa einer halben Stunde fuhren wir weiter. Etwa 250 Meter entfernt von einem See, den ich funktionell als „Wasserstelle“ bezeichne, graste eine Gruppe von etwa 22 Elefanten. Es handelte sich vorwiegend um adulte Elefantenkühe, männliche und weibliche Jungtiere, sowie einige wenige Kälber.

Staunen. Kälber, die an ihren Müttern saugen, Jungtiere, die – so hat es den Anschein – sich in Form eines Spieles balgen, Kühe, die mit dem Rüssel Sand über ihren Rücken werfen, grasende Dickhäuter, die sich langsamen Schrittes der Wasserstelle nähern. Man vergisst die Zeit, man schaut, man staunt. Vielleicht ertappt man sich bei dem Gedanken, dass man nahezu all das sieht, was man sich aus Büchern, Dokumentationen oder sonstigen Informationsquellen heraus erhofft hatte. Doch es sollte anders kommen. Das Unerwartete wird eintreten.

Überspringen wir einfach den Faktor Zeit und setzen mit dem Erzählen der Ereignisse eine weitere halbe Stunde später fort. Im Augenwinkel erkennt man hunderte Meter entfernt Bewegung. Bewegung der zuvor beobachteten Elefantengruppe, die kurz zuvor noch mehr als einen Kilometer entfernt am Waldrand graste. Das Tempo der sich im Kollektiv bewegenden Herde könnte man als leichtes Traben bezeichnen. Es ist kein Schlendern, aber auch kein Rennen, es ist zielstrebig, seichtes Wasser durchquerend, und lässt vermuten, dass die Richtung jene des Standortes der etwas größeren Gruppe ist. Nahezu unmerklich hat sich auch die Richtung dieser – von uns beobachteten Gruppe – geändert. Die zuvor noch willkürlich in überschaubarem Gelände eigenständig aber zusammenwirkend in unterschiedliche Richtungen „schlendernden“ Tiere bewegen sich nun langsamen, aber ebenfalls zielstrebigen Schrittes, jedoch nicht kompakt eng beieinander. Geführt von den adulten Weibchen, denen die Kälber hinterhertrappeln, bildet sich eine Herde, die sich der heraneilenden Gruppe entgegenbewegt.

Man fühlt sich kurz bei dem Gedanken an Braveheart ertappt. [Bewaffnete] Menschen, die sich formiert haben und gegenüberstehen und sich plötzlich in Bewegung setzen, um sich Minuten später die Schädel einzuschlagen. Masse bewegt sich auf Masse zu. Doch diesmal nicht zwei verfeindete Gruppen des Homo sapiens, sondern zwei große Gruppen asiatischer Elefanten, die in Summe vermutlich knapp 40 Tiere ausmachen.

Begegnung. Staunen. Die Gruppen vereinen sich. Rüssel berühren Rüssel, streifen, ja und vielleicht sogar streicheln, schlingen sich ineinander, Körper und Köpfe berühren sich. Man trifft sich wieder, man ist wieder zusammen. Besser beschrieben als „Elefant trifft sich wieder, Elefanten sind wieder zusammen“. Kein Kampf, sondern Vereinigung, kein töten, sondern herzen. Man erkennt die Essenz, ohne Information zu erhalten, man spürt sie: Man ist umgeben von Individuen, die eine Einheit bilden. Jeder Elefant hat seine Rolle, genauso wie seine Individualität, seine individuellen Bedürfnisse im Kollektiv. Einzigartig für den Beobachter, aber vermutlich Teil des alltäglichen Lebens der größten Landsäugetiere des Planeten.

Ich beobachtete eine Begegnung, die für mich einzigartig und faszinierend war.

Abschließende Bemerkung: Ich habe bewusst Termini verwendet, die manch Leser als „Vermenschlichung von Tierverhalten“ bezeichnen wird, doch ich erachte es als angebracht. Die Beobachtung, wie auch die beschriebene Begegnung, waren emotional, kein mechanischer Ablauf. Interessierten sei empfohlen, sich auch mit dem wissenschaftlichen Ansatz auseinanderzusetzen, der zahlreichen Wildtierarten, darunter Wal- und Delfinarten, Elefanten und Menschenaffen die Existenz von Kulturen attestiert.

 

Fotos © Shifting Values / Lilli Entrup