Greta und die kritische Jugend. Weiter so!

In Reaktion auf die armseligen Untergriffe u.a. seitens der ehemaligen Journalistin Kornelia Kirchweger gegenüber Greta Thunberg veröffentlichen wir eine sehr fundierte Reaktion eines österreichischen Umweltschützers.

Dieser Text ist die Antwort eines Umweltschützers der ersten Stunde auf einen der vielen „offenen Briefe an Greta Thunberg“. Der „Brief von Kornelia Kirchweger“ ist in einem österreichischen Medium erschienen, das als parteinah gilt und vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als „Desinformationsprojekt am rechten Rand“ bezeichnet wird. Aus diesem Grund setzen wir hier keinen Link zu dem „Brief“. Dessen Autorin gibt sich „empört“ über Greta Thunbergs Rede bei der UNO und wirft ihr „grenzenlose Ahnungslosigkeit“ vor, denn es sei gerade ihre Generation, die die Wegwerfgesellschaft am Leben erhalte. Die Generation der Autorin, die in den 60er Jahren aufwuchs, lebte hingegen klimafreundlicher als Greta und ihre „unwissenden Kinder-Anhänger es sich überhaupt vorstellen können“. Deren Proteste seien „scheinheilig“ und Greta solle ihren Zorn lieber auf ihre Altersgenossen richten.

 

Liebe Kornelia!

Deine heftige Reaktion auf Gretas Rede vor der UNO zeigt, dass ihre Anschuldigungen an deine Generation (der auch ich angehöre) dir offenbar unter die Haut gingen. Gut so, so soll es auch sein. Gerne eine inhaltliche Debatte darüber, wie es so weit kommen konnte, dass unser Klima kurz vor dem totalen Kollaps steht, und was wir dagegen tun müssen.

Leider ist deine Antwort auf Gretas Vorwürfe aber bloß ein Beispiel für eine polemische Täter-Opfer-Umkehr. Als Verteidigung gegen die Klage, deine Generation hätte die Klimakatastrophe verursacht, hältst du Greta und der heutigen Jugend vor, klimaschädigend zu leben. Der absurde Gipfel deiner Vorwürfe ist, es den Kindern anzulasten, wenn die Eltern sie mit dem Auto in die Schule bringen.

Du hast natürlich Recht, Kornelia, dass du und unsere Generation in den 60ern „klimafreundlicher“ aufwuchsen als die heutige Jugend. Das Problem ist aber, dass WIR die fünf Jahrzehnte seitdem dazu genutzt haben, uns von dieser klimaschonenderen Lebensweise zu entfernen, und jenes Luxus- und Wegwerfsystem entwickelt und aufgebaut haben, das die Klimakatastrophe verursacht. Diese fatale Entwicklung kannst du wohl schwerlich den damals Ungeborenen vorwerfen.

Es sind nicht die heute 15-jährigen, die die Ressourcen des Planeten über ein halbes Jahrhundert lang geplündert haben; es sind nicht die heute 15-jährigen, die Jahrzehnt für Jahrzehnt die Natur verbaut und zerstört haben, das Artensterben eingeleitet haben, uns Sauren Regen und Ozonloch beschert, die Wälder gerodet, die Flüsse gestaut, den Energiebedarf vervielfacht, die Ozeane zugemüllt und die Regenwälder wegen des extrem gestiegenen Fleischkonsums regelrecht aufgegessen haben.

Nein, die seit Jahrzehnten andauernde systematische (!!) Zerstörung der Erde, das war ausschließlich deine/meine Generation.

Darum, Kornelia, ist der Zorn von Greta und von allen, die sich für die Erhaltung des Planeten einsetzen, genau richtig gegen dich und unsere Generation gerichtet. WIR haben den Planeten auf dem Gewissen, nicht jene, die heute gerade mal Teenager sind. Und wir können uns auch nicht darauf ausreden, es „nicht besser gewusst“ zu haben. Umweltschützer (wie ich einer bin) warnen seit mindestens den 70er und 80er Jahren intensivst vor genau dieser Entwicklung und den Folgen, die wir heute zu erleiden beginnen. Seit Carsons „Der Stumme Frühling“ (1962) wissen wir von den zerstörerischen Folgen von Pestiziden (und jammern heute über das Insektensterben), seit „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) wissen wir, dass unser kapitalistisches Wirtschaftsmodell auf einem endlichen Planeten nicht nachhaltig sein kann, und seit Jimmy Carters Mega-Studie „Global 2000“ (1980) verstehen wir die globalen wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhänge.

Die ersten UNO-Klimakonferenzen fanden in den frühen 90ern statt, als Greta noch lange nicht geboren war. Alle Katastrophen, die wir heute erleben, werden uns seit Jahrzehnten vorausgesagt. Doch du und deinesgleichen habt euch nicht um Voraussagen der Wissenschaftler und Umweltschützer geschert, ihr wolltet weiter euer Leben in Saus und Braus leben – allen Warnungen zum Trotz und auf Kosten der Menschen in der „Dritten Welt“ (die nun zunehmend als Klimaflüchtlinge zu uns kommen werden), auf Kosten der Natur, deren lebenserhaltende Systeme zusammenbrechen, auf Kosten des Planeten, auf Kosten der zukünftigen Generationen.

Ein alter Slogan der Umwelt- und Naturschutzbewegung aus den 70ern lautete: Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt. Nun sind diese Kinder hier und sehen mit Entsetzen, in was für einem desaströsen Zustand wir diese geborgte Erde übergeben. Und sie ziehen uns zur Rechenschaft.

Thomas