Raubbau an weltweiten Fischbeständen wird mit öffentlichen Mitteln ermöglicht

Es ist hinlänglich bekannt, dass unregulierte Fischerei in den Gewässern jenseits nationaler Zuständigkeit (die „Hochsee“, die 64% der Meeresfläche umfasst) schwere ökologische Schäden anrichtet – von Überfischung und Beifang bis zur Zerstörung jahrtausendealter Tiefseekorallen durch Grundschleppnetze. Aber wie steht es um den ökonomischen Sinn dieser Fischerei? Ist sie wenigstens profitabel?

Um diese Frage zu beantworten, nutzte eine aktuelle Studie von Sala et al. neue Satellitendaten und maschinelles Lernen, um Fischereischiffe auf hoher See individuell zu verfolgen und den Aufwand, die Kosten und die Erträge der Hochseefischerei zu quantifizieren. Die Forscher ermittelten dabei für das Jahr 2016 eine Mindestzahl von 3620 Fischereischiffen, die zusammen 510.000 Tage auf hoher See verbrachten, sowie 35 Bunkerschiffe (Tanker, die Fischereischiffe mit Brennstoff versorgen) und 154 Kühlschiffe (die auf hoher See den Fang übernehmen). Die Hochseefischerei wird von wenigen Ländern dominiert: China, Taiwan, Japan, Indonesien, Spanien und Südkorea stellen hier 77% der Fischfangflotte. Die vier häufigsten Fangmethoden auf hoher See sind Langleinen, Ringwadennetze, sogenannte „squid jiggers“ und Schleppnetze.

Der Hochseefang belief sich 2014 auf insgesamt 4,4 Milliarden Kilogramm Fisch mit einem Anlandewert von 7,6 Mrd. US-Dollar. Die Autoren berechneten die Nettoerträge der Hochseefischerei (ohne Subventionen, aber unter Annahme von Mindermeldungen um 30%) auf –364 bis +1400 Mio. Dollar. Im Vergleich dazu subventionierten die Staaten die Hochseefischerei mit 4,2 Mrd. Dollar, was den Nettoertrag um ein mehrfaches übersteigt. Aus diesem Ergebnis kann man schließen, dass die Hochseefischerei ohne Subventionen wohl kaum im heutigen Ausmaß stattfinden würde.

Sage und schreibe 54% der Hochsee-Fischgründe wären nicht gewinnbringend befischbar. Zum Beispiel wäre Spaniens Ringwadenfischerei im östlichen Zentralpazifik, im westlichen Indischen Ozean und im mittleren Ostatlantik (vor Westafrika) ebenso unprofitabel wie seine gesamte Grundschleppnetzfischerei.

Der Hochsee-Fischfang mit Grundschleppnetzen gehört weltweit zu den unprofitabelsten Methoden und generell wäre ein erheblicher Teil der Hochseeaktivitäten der größten Fischfangflotten der Welt ohne Subventionen und Lohndumping unwirtschaftlich. So bilanzieren etwa die Hochseeflotten von China, Taiwan und Russland insgesamt negativ, was insofern bedeutend ist, als diese drei Staaten für 51% der Hochseefänge verantwortlich zeichnen.

Was treibt die Staaten nun dazu, die Hochseefischerei trotz offenkundiger Verluste fortzusetzen? Die Studienautoren vermuten eine Kombination von Faktoren, welche die Fischerei für die beteiligten Unternehmen dennoch profitabel machen. So könnten die Mindermeldungen des Fangs größer sein als angenommen und die Kosten durch Lohndumping und Zwangsarbeit gedrückt werden. Außerdem verbringen manche Schiffe nur einen Teil ihrer Zeit auf hoher See und machen ihren Profit hauptsächlich in nationalen Gewässern. Hinzu kommen geostrategische Überlegungen, die manche Staaten zu Hochseefischerei unabhängig von den Kosten veranlassen (z.B. die Aktivitäten von China und Russland in antarktischen Gewässern.

Zwangsarbeit, moderne Sklaverei und Kinderarbeit sind ein ganz wesentlicher kostenreduzierender Faktor in der Fernfischerei und werden sowohl auf See als auch an Land praktiziert. Die Hochseefischerei wurde auch mit internationaler organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht, etwa dem Schmuggel von Drogen, Waffen oder Produkten aus geschützten Tierarten. Dies kann ebenso einen Teil der Fischereiaktivitäten auf hoher See erklären helfen.

Die Studienergebnisse untermauern somit die Forderungen nach substanziellen Reformen der Hochseefischerei. Dazu zählt auch ein besseres Fischereimanagement (etwa Flottenverkleinerungen und große Fischereiausschlussgebiete), aber die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass eine Reform der Subventionen die Hochseefischerei radikal verändern könnte.

 

http://advances.sciencemag.org/content/4/6/eaat2504.full

Sala, E., et al. (2018): The economics of fishing the high seas. Science Advances, Vol. 4, no. 6, eaat2504. DOI: 10.1126/sciadv.aat2504