Lärm um eines der letzten Urlaubsparadiese

Ölerschließungspläne bedrohen die Malediven. 
Gast-Blog von Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare und Initiatorin von Silent Oceans

Das Bild: Kitschig und doch so real. 
Der Blick auf das Meer auf den Malediven. Ein Stückchen indischer Ozean, ein Ort, der für viele der Vorstellung eines paradiesischen Zustandes nahe kommt. Ein Platz, dessen Herz sich dann öffnet, wenn man noch einmal kurz Luft holt, die Wasseroberfläche durchbricht, den Kopf senkt und in eine schier unglaubliche, bunte Unterwasserwelt eintaucht. Herrliche und bunte Korallengärten, die unzähligen Fischarten Heimat bieten, sind zu bestaunen. Auch vielen Meeresschildkröten und Grossfischen kann man begegnen. Ich war in früheren Jahren mehrmals auf den Malediven in den Ferien und habe viele Tauchgänge gemacht – war beseelt von der Schönheit und dem Leben im Meer um dieses Inselparadies.

Die Realität: Unglaublich und doch so brutal.
Der ehemalige maledivische Präsident Mohamed Nasheed war bekannt und bewundert für seine Unterwasserkonferenz vom 17. Oktober 2009 mit 12 Ministern des Kabinetts. An dieser Konferenz wurde eine SOS-Botschaft an die Klimakonferenz in Kopenhagen verfasst, um auf den dringenden Handlungsbedarf im Klimaschutz hinzuweisen und gegen die Inaktivität der Weltpolitik gegenüber dem Klimawandel ein Zeichen zu setzen.

Vier Jahre später – im November 2013 – verlor Mohamed Nasheed die Präsidentschaftswahlen. Am 22. Februar 2015 wurde der anerkannte und respektierte Umwelt- und Menschenrechtsschützer – gar unter Berufung des Anti-Terror-Gesetzes – verhaftet und zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Rechtlicher Beistand von nationalen aber auch internationalen Juristen wurde ihm verwehrt. Maledivische NGOs sind überzeugt, dass die Verhaftung politische Gründe hat. Sie sagten, dass das Land durch diesen Schock zu einem Stillstand gekommen sei.

Unterwasserkonferenz vor den Malediven

Der neue Präsident Abdulla Yameen versprach der Bevölkerung bereits bei den Wahlen im 2013 wirtschaftlichen Aufschwung. Die Malediven zum Ölförderland zu machen war sein erklärtes Ziel. Was für ein Bildnis für Wandel! Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, jedoch könnte der Wandel nicht grösser sein. Die neue Inselregierung hat Lunte am Schwarzen Gold gerochen. Die Suche nach Ölquellen soll für raschen Profit sorgen. Passieren wird schon nichts, der Tourismus sei ungefährdet. Ein grosser Widerspruch! Während Dunya Maumoon, Aussenministerin der Malediven, an den UN-Klimakonferenzen den Vorsitz der Alliance of Small Island States (AOSIS) hat und sich dort für globale Aktionen einsetzt, fördert der Präsident Abdulla Yameen die Erschliessung fossiler Brennstoffe und steigert damit den eigenen Anteil an CO2-Ausstoss, der die Klimaerwärmung ankurbelt.

Paradigmenwechsel. Gegensätzlicher könnten Regierungskonzepte nicht sein. Ruhe, Erholung und Seele baumeln lassen hier, Beschallung des Meeresbodens, Zuzug von Industriegerät, zunehmender Schiffsanker grosser Tankschiffe, Errichtung von Bohrinseln dort… eine Herausforderung für Werbetexter, um auch in Zukunft dem Auszeit suchenden Touristen das Bild der heilen Welt vermitteln zu können.

Und doch schafft es die Ölindustrie anscheinend stets und überall, Regierungen den Kopf zu verdrehen. Auch im Mittelmeer hat längst ein Ölrausch eingesetzt. Doch dieser Rausch trifft zunehmend auf Proteste. Insbesondere dann, wenn es sich um Regionen handelt, die vom Tourismus leben. Zu nahe sind die Bilder der Machtlosigkeit von der Deepwater-Horizon-Katastrophe geblieben. Zuletzt vertrieb die Bevölkerung der Kanaren den spanischen Ölkonzern Repsol aus ihren Gewässern. Bürgerinitiativen haben sich auch auf den Balearen, in Kroatien und eben auch auf den Malediven längst formiert und erinnern Regierungen daran, ihre Pflicht dem Land und nicht einem Industriezweig zu widmen, bei dem das Wort „Energiewende“ weiterhin für Entsetzen sorgt.

Ist die sichtbare Katastrophe die Verunreinigung der Meere durch Ölaustritt, nimmt die eigentliche Tragödie viel früher ihren Anfang … bei der Suche. Über Wochen, manchmal Monate hinweg, ziehen Forschungsschiffe Schallkanonen hinter sich, die in etwa alle 15 Sekunden Explosionsschall gegen den Meeresboden richten. Bis zu 20 Druckluftkanonen werden gleichzeitig abgefeuert. Der Schall erreicht eine Stärke von bis zu 260 dB und durchdringt das Meereswasser Tausende von Metern, bevor er bis zu hunderte Kilometer weit in den Boden eindringt – und dies 24 Stunden pro Tag, oft über Wochen oder Monate im selben Gebiet. Da die einfach zugänglichen Ressourcen erschöpft sind, werden seismische Tests in immer sensibleren Meeresgebieten und immer grösserer Tiefe durchgeführt. Für die Meerestiere ist dies katastrophal. Denn sie nutzen Schall zur Orientierung, Nahrungssuche, Kommunikation, Partnersuche und Ortung von Feinden. Doch ihre Welt wird mit intensivem, menschengemachtem Lärm geradezu überschwemmt. Die Folgen sind gravierend, reichen sie doch von Störung über Verletzung bis zum Tod. OceanCare macht sich zusammen mit der Silent-Oceans-Koalition stark für mehr Stille im Meer und appelliert an die Entscheidungsträger, gefährliche Vorhaben wie die Erdölsuche ohne Umweltverträglichkeitsprüfung zu verhindern. Stille entsteht, wo die Gier schweigt.

Der heutige Tag, der 29.4. 2015, ist der Internationale Tag gegen Lärm. Eine Woche nach dem Jahrestag der Deepwater Horizon Katastrophe auch Anlass, unsere Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen von Lärm auf Meeresbewohner zu richten. Grund genug, um nicht wegzuhören.

2018-04-04T10:55:03+00:00